«In der Öffentlichkeit konnte man nicht mehr von Oboussier reden, ohne die Umstände seines Todes anzusprechen; und da diese als unaussprechlich galten, hat man bald konsequenterweise den toten Komponisten auch noch totgeschwiegen.»
Chris Walton, «Das Doppelleben eines Komponisten», Tages-Anzeiger, 8. Juni 2007
Zum 125. Geburtstag des 1957 ermordeten Schweizer Komponisten Robert Oboussier erscheinen im Sommer 2025 die erste CD-Veröffentlichung seiner Musik und eine Buchpublikation mit Beiträgen von verschiedenen Autor:innen, in denen die Musik, die Biographie und das tragische Nachleben Oboussiers von unterschiedlichen Seiten beleuchtet wird.
An fünf Jubiläumsveranstaltungen im Herbst 2025 wird die Musik Oboussiers aufgeführt und mit verschiedenen Gästen über deren Geschichte und Bedeutung gesprochen. Robert Oboussier war eine Schlüsselfigur der Neuen Musik. Er wirkte nicht nur als europaweit bekannter Komponist, sondern auch als Vizedirektor der SUISA und Leiter des Archivs Schweizerischer Tonkunst.
Es ist das erste Vorhaben, das die aus heutiger Sicht historisch wichtige Geschichte Oboussiers zusammen mit den musikalisch bedeutenden Kompositionen aus der Zeit vor, während und nach dem 2. Weltkrieg, publik macht. Im Jubiläumsjahr soll das Tabu durchbrochen werden, rund um den politisch und medial motivierten Skandal, durch den Robert Oboussier und sein Werk in Vergessenheit geraten sind. Die Musik wird wieder zugänglich gemacht und die bislang verschwiegene Geschichte öffentlich besprochen. Die Kompositionen sind wertvolle Geschichtsträger, die nicht in Vergessenheit geraten und vor allem nicht länger verschwiegen werden dürfen.
Kontext
Die Ermordung des zu Lebzeiten bedeutenden Schweizer Komponisten Robert Oboussier am 9. Juni 1957 löste eine totale Verdrängung seines Werkes und seiner Person aus dem öffentlichen Bewusstsein aus. Sein Vermächtnis verstummte für Jahrzehnte. Der Mordfall brachte nicht nur seine bis dahin verborgene homosexuelle Orientierung ans Licht, sondern rückte erstmals das Männermilieu Zürichs in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Die sensationsgierige Berichterstattung löste Entsetzen und Abscheu aus, was zu ungerechten Konsequenzen führte: Einerseits wurde die homosexuelle Szene öffentlich angeprangert und in der Folge über zehn Jahre durch polizeiliche Repressionen schikaniert; andererseits wurde Oboussier als Mensch und Künstler totgeschwiegen – seine Musik geächtet, seine Existenz aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht.
An den Jubiläumsfeiern wird eine Auswahl von Kompositionen aus Oboussiers Gesamtwerk aufgeführt.
Zudem wird mit verschiedenen Gästen über die Geschichte und die Musik aus der Zeit vor, während und nach dem 2. Weltkrieg gesprochen.
Sieben Beiträge setzen sich mit der Biographie, der Musik und dem jahrzehntelangen Totschweigen von Robert Oboussier auseinander. Die Autor:innen der Publikation haben alle ihren eigenen Zugang zu Oboussier, wodurch seine Geschichte aus ganz verschiedenen Blickwinkeln gesehen wird. So zum Beispiel Ernst Ostertag, der an Oboussiers letztem Konzert dabei war und für den dieser Mord grossen Einfluss auf sein weiteres Leben als Schwuler in Zürich hatte. Eva Moser wiederum schrieb 2007 die erste wissenschaftliche Arbeit über Oboussier und wirft in Ihrem Beitrag nochmals einen Blick zurück auf die Geschehnisse rund um die Ermordung des Komponisten. Da Oboussier zweisprachig aufwuchs und seine Musik in Frankreich besonders geschätzt und auch nach seinem Tod weiter aufgeführt wurde, erscheint das Buch auf Deutsch und Französisch. Es enthält zudem sein erstes vollständiges Werkverzeichnis.
Beiträge und Autor:innen:
Tomas Bächli, Pianist und Musikvermittler Oboussiers Klavierwerke
Anhand zweier Klavierwerke werden politische Ausprägungen und Haltungen in der Musik Oboussiers aufgezeigt. Zeitgenossen beschrieben Oboussier als eine Person, die offen für alles Neue war. Die Werke weisen dementsprechend einen sehr eigenen Umgang mit Tradition und progressiven Strömungen der Zeit auf.
Buchillustrationen, die ein Bild des äusserst lückenhaften Nachlasses und dem unvollständigen Bild Oboussiers zeigen und beschreiben. Grünig ergänzt die Arbeit mit einem Fragekatalog im Geist von Max Frischs «Fragebogen», der die Bewertung des Mordfalls sowie auch die Trennung von Werk und Autor thematisiert.
Ursula Pia Jauch, Philosophin und Publizistin Robert Oboussier, makelloser Freund und Chiffre der Diskretion
Hintergründe zu Oboussiers humanistischem und politischem Engagement sowie auch seiner Wichtigkeit in den Bereichen der Geistesgeschichte. Oboussier führte über Jahre einen anregenden Dialog über philosophische und musikästhetische Fragen mit Karl Jaspers, Karl Löwith und anderen Mitgliedern aus der Heidelberger und Berliner Intellektuellengemeinschaft. Es war geplant, einen Briefwechselband Jaspers – Oboussier herauszugeben, doch es ist davon auszugehen, dass das Briefwechsel-Projekt dem Totschweigen des Komponisten nach 1957 zum Opfer fiel.
Eva Moser, Kulturwissenschaftlerin Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da
Eva Moser arbeitet in ihrem Kapitel den Mordfall und den darauffolgenden äusserst kontroversen Prozess auf, in welchem die juristische und öffentliche Beurteilung des Falls sich immer wieder änderte.
Ernst Ostertag, ehem. Lehrer, Redaktor und Aktivist Ein Zeitzeuge berichtet
Ernst Ostertag war nicht nur als Schwuler und redaktioneller Mitarbeiter des «Kreis» direkt vom Mord an Oboussier und seinen Auswirkungen auf die Schwulenszene in der Schweiz betroffen, sondern er war auch bei Oboussiers letztem Konzert in Zürich mit dabei, vier Tage vor dessen Ermordung. 68 Jahre später freut sich Herr Ostertag sehr, dass Oboussiers Musik wieder zur Aufführung gelangt.
Eine Untersuchung und Reflexion der medialen Berichterstattung zu Oboussiers Musik in den Folgemonaten nach seinem Tod.
Bruno Rauch, Musikwissenschaftler und Kulturjournalist Zürich in den Fünfzigern – Seldwyla im Widerspruch
Ein Porträt der kleinbürgerlichen Stadt Zürich in den 50er Jahren, die nichtsdestotrotz eine grosse internationale Ausstrahlung hatte. Rauchs Text gibt den Leser:innen eine Vorstellung und ein Gefühl, in welchem Umfeld der Mord an Oboussier geschah.
Ramon Bischoff, Musikproduzent
Vorwort, Biographie und Werkverzeichnis Robert Oboussier
«Robert Oboussiers Musik ist Ausdruck seiner politischen, gesellschaftlichen und humanistischen Überzeugungen. Es ist mir ein Anliegen, dass seine Werke auch künftig jene Werte transportieren, für die er künstlerisch eingetreten ist. [...] Zum 125. Geburtstag Robert Oboussiers wünsche ich mir, dass seine Musik wieder vermehrt gespielt und aufgeführt wird und dabei als Symbol für soziale Gleichheit neue Wirkung entfalten kann.»
Kontakt Projektleitung
Für Anfragen zum Projekt, Medienauskünfte, Akkreditierungen, Freikarten und Werbematerialien:
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Unterstützung
Die Recherche, die CD-Produktion, die Buchpublikation sowie die Jubiläumsfeiern konnten durch die grosszügige Unterstützung folgender Förderstellen, Stiftungen, Privatpersonen und Partner:innen umgesetzt werden:
Burgergemeinde Bern, Bürgi Willert Stiftung, Elisabeth Weber Stiftung, Ernst Göhner Stiftung, Ernst Ostertag in memorium Röbi Rapp, Fachstelle Kultur Köniz, Fachstelle Kultur Kanton Zürich, Fonds RESPECT (LOS, TGNS, Pink Cross), Fondation Johanna Dürmüller-Bol, Fondation Suisa, Gesellschaft zu Ober-Gerwern, Gesellschaft zu Schuhmachern, Gesellschaft zu Zimmerleuten, Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zürichs, GVB Kulturstiftung, hab queer Bern, Heinrich Hössli Stiftung, Kultur Kanton Bern, Kultur Stadt Bern, Paul Sacher Stiftung, Schwulenarchiv Schweiz, Sebastiana Stiftung, Schweizerische Interpretenstiftung, Stadt Zürich Kultur, Stiftung Anne-Marie Schindler, Stiftung Pro Scientia et Arte, Stiftung resonanzmomente, Stiftung Sostenuto, Theater Orchester Biel Solothurn, Walidad Stiftung